Wenn Mutter nicht mehr friert

Aufgrund des Klimawandels befindet sich Russland in einer einzigartigen Position um bis zum Ende des 21. Jahrhunderts als neue geopolitische Supermacht hervorzugehen.

ТЭЦ – Murmansk
2021 wurde an einem der Schornsteine des Heizkraftwerks Murmansk ТЭЦ ein 65 m hohes LED-Thermometer installiert, das die aktuelle Temperatur anzeigt. Am Abend des 01.11.2021 zeigt das Thermometer knapp über 0 °C, ungewöhnlich warm für den beginnenden Winter. Über die letzten 100 Jahre hat sich Russland im Mittel um 1,29 °C erwärmt. Im gleichen Zeitraum belief sich der mittlere globale Temperaturanstieg auf 0,74 °C.
Moscow City – Moskau
Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts wird ein Anstieg des Meeeresspiegels um einen Meter gegenüber 1880 erwartet. Dadurch werden über 180 Millionen Menschen vertrieben werden. Trotz ihrer großen Küstenlinie war Russland aufgrund ihrer Lage an den Rand- und Eismeeren seit jeher mehr oder minder ein Binnenstaat. Von den 30 größten Städten Russlands liegen deshalb lediglich zwei, St. Petersburg und Wladiwostok, am Meer. Die Hauptstadt Moskau liegt 600 km vom Meer entfernt. Moskau ist mit 15 Millionen Einwohner das unbestrittene wirtschaftliche, politische und kulturelle Zentrum des Landes. Im Gegensatz, zum Beispiel zu den U.S.A., werden die Auswirkungen des steigenden Meeresspiegels in Moskau kaum zu spüren sein. Die Metropolregion New York mit 20 Millionen Einwohnern liegt im Schnitt nur 10 m über dem Atlantik und Shanghai liegt lediglich 4 m über dem Pazifik.
Loza – Dubowka
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat Russland eine rasante Entwicklung von einer Lebensmittelimporteurin zu einer der größten Getreideproduzentinnen der Welt gemacht und steuert inzwischen fast ein Viertel des gesamten Angebotes im Weltmarkt bei. Die wichtigste Region für die russische Landwirtschaft ist das Agrardreieck zwischen Odessa, St. Petersburg und Irkutsk. Mit dem Fortschreiten des Klimawandels wird die Landwirtschaft in den Gebieten nördlich der Schwarzerderegion erheblich von den höheren Temperaturen und verlängerten Wachstumsperioden profitieren. In der Region südlich von St. Petersburg (zwischen dem 54. und dem 60. nördlichen Breitengrad) wird im letzten Quartal dieses Jahrhunderts ein ähnliches Klima wie im heutigen Getreidegürtel der USA erwartet. Um die Jahrtausendwende entstand in der Region Wolgograd im Süden Russlands die neue Weinregion „Untere Wolga“. Aufgrund der guten Böden und den steigenden Temperaturen verbessern sich die Bedingungen für die Winzer Jahr um Jahr. Das Weingut Loza von Dmitry Gusev besteht seit 1998 in Dubowka, ca. 45 km nördlich von Wolgograd. Aufgrund der Neuheit des Anbaugebietes und dem immernoch harschen Klima (bis zu 45 °C im Sommer und bis zu -25 °C im Winter) konnten sich bisher noch keine Schädlinge ausbreiten, sodass 2 – 3 mal weniger Pflanzenschutzmittel verwendet werden kann. Im Winter werden die Reben mit Zelten und Erde bedeckt, damit sie nicht erfrieren.
Barentssee – Teriberka
Die Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest der Erde. Im Nordpolarmeer öffnet sich durch den Rückgang des Nordpolareisschildes die Nordostpassage zwischen dem Atlantik und dem Pazifik. Dieser Seeweg wird der Schlüssel zu Russlands wirtschaftlichem Aufschwung. Die Strecke von Shanghai, dem größten Seehafen der Welt, nach Rotterdam, dem größten Seehafen Europas, ist eine der wichtigsten Schifffahrtsverbindungen im internationalen Seehandel. Gegenüber der Suezkanalroute mit 19.500 km und 33 Tagen Reisezeit verkürzt sich die Fahrt um 5.200 km auf 14.300 km und 24 Tage Reisezeit entlang der Nordostpassage. Gleichzeitig kann Russland, wie Ägypten am Suezkanal, Durchfahrtsgebühren erheben.
„Ural“ – St. Petersburg
Um die Schifffahrt im Nordpolarmeer sicherzustellen investiert Russland massiv in ihre Eisbrecherflotte. Die „Ural“ ist das dritte Schiff der neuen Arktika-Klasse (ЛК-60Я), und wird bis 2024 im Baltischen Werk in St. Petersburg fertiggestellt. Zusammen mit ihren Schwesterschiffen sind sie die bisher größte und leistungsstärkste Klasse von Atomeisbrechern, die je gebaut wurden. Wegen ihres geringen Tiefgangs soll das 173 m lange Schiff in den Flussmündungen von Ob und Jenissei eingesetzt werden, um die wichtigen Rohstoffhäfen Sabetta und Dudinka eisfrei zu halten, über die Erdgas und Nickel auf der NSR verschifft werden.
„Yakutia“ – St. Petersburg
Die „Yakutia“ ist das vierte Schiff der der neuen Arktika-Klasse (ЛК-60Я) und wird seit 2020 im Baltischen Werk in St. Petersburg produziert. In Wladiwostok wurde 2021 bereits die noch größere Eisbrecherklasse „Project 10510 Лидер (ЛК-110Я)“, kielgelegt, die ganzjährig eine Durchfahrt innerhalb von 10 Tagen durch die NSR garantieren soll und bis zu 4 m dickes Eis brechen kann.
Alyosha – Murmansk
Durch das Auftauen des Nordpolarmeeres eröffnen sich für Russland auch neue Möglichkeiten der militärischen Machtprojektion. Bisher war Murmansk auf der Kola-Halbinsel der einzige eisfreie Hafen Russlands mit freiem Zugang zum offenen Meer. Während des Zweiten Weltkriegs war die Stadt als wichtiger Versorgungshafen schweren Angriffen durch die Wehrmacht ausgesetzt und konnte nur unter schweren Verlusten gehalten werden. Heute ist die Region Murmansk das Hauptquartier der Nordflotte, die Russlands militärische Expansion in die Arktis verantwortet.
Abram Mys – Murmansk
Der Weg zu Russlands neugefundener geopolitischen Stärke führt durch die Arktis. Auf 80° 48′ 8′′ N befindet sich Nagurskaja, die nördlichste russische Militärbasis und einzige Siedlung auf Franz-Josef-Land. 2017 wurde der Erweiterungsbau fertiggestellt und beherbergt seit 2019 auch einen Fliegerhorst für nuklearfähige Kampfflugzeuge. Durch die extreme nördliche Positionierung können alle möglichen Ziele auf der Nordhalbkugel in ähnlicher Zeit erreicht werden.
Ortseingang – Kirowsk
Die Bodenschätze Russlands lagern über dem Polarkreis. In Kirowsk, südlich der Chibinen auf der Kolahalbinsel wird Apatit abgebaut, das eine zentrale Rolle bei der Gewinnung von Phosphor für die Düngemittelproduktion spielt. Die weltweit größten Nickelreserven, das besonders in der Elektromobilität gebraucht wird, werden in Norilsk vermutet, wo heute schon das meiste russische Nickel gefördert wird. Auf der Tschuktschen-Halbinsel im äußersten Nordosten Sibiriens investiert der Bergbaukonzern KAZ Minerals zur Zeit über sechs Mrd. Euro in die Erschließung der größten Kupfervorkommen der Welt in Baimskoje. Neben Förderungsanlagen soll hier auch ein Verladeterminal entstehen, das den schnellen und einfachen Zugang zur Nördlichen Seeroute gewährleisten soll.
Murmanbahn – Murmansk
Mit der Eisenbahn können die Bergbauerzeugnisse schnell an die neuen Rohstoffhäfen an der Nordostpassage befördert. Der Rückzug des Polareises vereinfacht die Durchfahrt für Frachtschiffe und sorgt für einen Aufschwung in den Häfen entlang der Route, die seit 2010 wieder stärker durch die Regierung gefördert werden. 2021 wurden 35 Mio. Tonnen Fracht durch die Nordostpassage befördert. Insgesamt gab es 2021 85 Komplettpassagen. Eine wiederholte Steigerung gegenüber den Vorjahren.
Nornickel – Murmansk
Nornickel ist einer der größten Bergbaukonzerne der Welt und einer der größten Produzenten von Nickel, Palladium, Platin und Kupfer und trägt 1,5 % des russischen BIP bei. Hauptwirkungsort ist die Stadt Norilsk im hohen Norden Region Krasnojarsk. Nornickel betreibt mit Dudinka auch einen eigenen Hafen im Obbusen, etwa 100 km östlich von Norsilsk, der ganzjährig künstlich durch Eisbrecher freigehalten wird. Dieser Umschlagplatz bietet einen direkten Zugang in die Nordostpassage und somit einen schnellen Zugang zum Weltmarkt.
SIBUR – Put-Jach
Russland verfügt in Sibirien auch über die weltweit größten Reserven an fossilen Brennstoffen. 15 % aller Kohlevorkommen, 20 % aller Erdgasvorräte und 6 % aller Erdölvorräte lagern dort. Obwohl Russland 70 % des geförderten Erdgases selbst verbraucht, ist sie trotzdem die größte Erdgasexporteurin der Welt. Das Gas wird über Pipelines und Güterzüge direkt ins Ausland verbracht oder über das neue LNG-Terminal in Sabetta auf der Nordostpassage verschifft.
Bahnhof – Put-Jach
Das Westsibirische Petroleumbecken zwischen dem Ural und dem Jennisei ist mit über 2 Millionen km2 das größte zusammenhängende Kohlenwasserstoffsystem weltweit und erstreckt sich vom Kontinentalschelf in der Karasee im Norden 2.500 km bis ins den Süden zum Altai. Die günstige Lage zwischen Europa und Asien ermöglicht den direkten Export der Brennstoffe in diese beiden wichtigsten Wirtschaftszentren der Welt.
Tanker – Murmansk
Die russischen Staatskonzerne Gazprom, Lukoil, und Rosneft sind unter den größten Förderern fossiler Brennstoffe weltweit und betreiben eigene Flotten von eisbrechenden Tankschiffen, die in der Lage sind ganzjährig auf der Nordostpassage zu verkehren.
Oktyabr’skiy – Jakutsk
In Jakutsk liegt die Jahresdurchschnittstemperatur bei -9 °C und ganz Jakutien ist von Permafrost bedeckt. Das russische Umweltministerium schätzt die Kosten für Schäden durch den auftauenden Permafrostboden auf umgerechnet 57 Milliarden Euro bis 2050. Allein im Diamantenbergwerk „Mir“, 800 km westlich von Jakutsk, werden jedoch gleichzeitig noch Diamanten im Wert von aktuell bis zu 700 Milliarden Euro vermutet. Der auftauende Permafrost ist aber nicht nur eine Gefahr für die Infrastruktur und Gebäude, sondern kann auch eine gefährliche Rückkopplung erzeugen. Wissenschaftler schätzen, dass im Permafrost bis zu 100 Mt des Treibhausgases Methan gespeichert sind, das freigesetzt wird wenn der Permafrost auftaut und den Klimawandel weiter beschleunigt.
Venetia – Nowosibirsk
Nowosibirsk ist das kulturelle Zentrum Sibiriens. Die Einwohnerzahl hat sich in den letzten 100 Jahren verzehnfacht und steigt immer weiter. 2016 erließ der Governeur der Region Vladimir Gorodetsky ein Gesetz, das ausländischen Migranten die Ausübung bestimmter Tätigkeiten untersagte. Die Zugezogenen durften unter Anderem nicht mehr als Bus- oder TaxifahrerInnen arbeiten, um den Einheimischen nicht die Arbeit wegzunehmen.
Ob – Nowosibirsk
Während die Städte in Sibirien wachsen, verliert die Fläche insgesamt ihre Menschen. In den Grenzgebieten zu China wächst die Angst vor einer chinesischen Vereinnahmung. Die regierungsnahe Zeitung Iswestija schätzte die Zahl von niedergelassenen Chinesen auf auf 2 Millionen, andere Medien verkündeten 2003 eine Invasion durch über 3,2 Millionen chinesische Einwanderer. Russische Demographen gehen von 250.000 niedergelassenen ethnischen Chinesen aus.